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STRESS, ANGST, DEPRESSION - Gefangen im DUNKELN

Tiefe Erschöpfung und Depression sind oft Geschwister. Und längst Volkskrankheiten. Aber es gibt sichere Wege aus der Seelenkrise.

Manche Zeiten im Leben fühlen sich an wie spitze Steine, kaltes Eis oder leere Wüste: Dann ist der Winter trüber, der Herbst verregneter als sonst, der Termindruck im Büro lastet unerträglich auf den Schultern, und der Horizont ist grau vernebelt. Freude? Das war mal. Die Stimmung sinkt ins Bodenlose. Burn- out heißt die Krankheit, die aus aussichtsloser Erschöpfung besteht. Und die sich laut einer Untersuchung der AOK in den letzten Jahren in der Bevölkerung fast verzehnfachte.

Das Unterfutter des Burn-out: Stress. Der an sich ja nicht schlecht sein muss: „Wenn man in positiver Weise gefordert wird und Stress als Herausforderung begreift, kann das ein wichtiger Antrieb sein“, sagt Prof. Stephan Ahrens, Direktor des Fachzentrums für Stressmedizin und Psychotherapie in Hamburg. Von der Herausforderung ist es allerdings nicht weit zur Überforderung. „Stress wird negativ, wenn er die Ressourcen eines Menschen zu stark be- ansprucht“, sagt Ahrens, der seit fast 30 Jahren als Psychiater und Therapeut arbeitet und beobachtet: „Das Risiko, in diese Richtung zu rutschen, ist gewachsen.“

Nur müde oder tief erschöpft?

Druck, Überforderung, Zeitnot oder Sorgen zehren an den Kräften. Zusätzlich verlangt die Umstellung beim Wechsel der Jahreszeiten vom Organismus viel. Das alles kann zur Erschöpfung führen. Ein Warnhinweis ist Ahrens zufolge, wenn selbst Aufgaben Kraft kosten, die man sonst mit links erledigte. Und wenn man sogar nach drei Wochen Urlaub das Gefühl hat, dass der Akku noch immer leer ist. Der Körper reagiert auf seine eigene Weise: Einige Menschen bekommen Kopfschmerzen, andere Magen- oder Hautprobleme. Viele haben Schlafstörungen, schwitzen nachts, können sich schlechter konzentrieren. „Zunächst sind das nur funktionelle Störungen, die verschwinden, wenn man den negativen Stress beseitigt“, sagt Ahrens. Hält die Phase der Erschöpfung länger als zwei Wochen an und wird das Gefühl der Antriebs- und Sinnlosigkeit stärker, sprechen Experten von einem Burn-out – eine der depressiven Erkrankungen. Da hilft am besten der Gang zum Arzt – denn Dauerstress schädigt den Körper. Er zehrt an den Vitaminreserven – vor allem an den für unseren Energiehaushalt wichtigen B-Vitaminen. Der Arzt hilft durch eine spezielle Aufbaukur, die als Fertigspritze oder Infusion direkt in den Blutkreislauf verabreicht wird. Das gibt rasche, aber dabei auch nachhaltige Kraft. Einer Studie des Deutschen Instituts für Präventive Medizin zufolge besserte sich darunter bei den Erschöpfungspatienten das Allgemeinbefinden um 88 Prozent, die Leistungsfähigkeit um 84 Prozent.

Außerdem sollte man auf Spurensuche gehen: Welche Belastungen stressen besonders? „Wichtig ist, bei sich selbst die empfindliche Stelle zu finden“, sagt Prof. Ahrens. Will man immer perfekt sein? Es allen Menschen recht machen? Ein gutes Gegenmittel ist gleichzeitig Vorbeugung: Erholung. Nicht nur im Urlaub, sondern vor allem zwischendurch und regelmäßig. Am effektivsten sind Freizeitbeschäftigungen, die einem Spaß und Erfolgs- erlebnisse gleichzeitig verschaffen und dabei negativen Stress ausgleichen: Kochen oder Malen etwa. Auch beim Zusammensein mit Freunden wird die Seele leichter, das Selbstwertgefühl steigt wieder.

Depressionen bleiben oft unerkannt

Wenn der Alltag von Schwermut und tiefer Niedergeschlagenheit geprägt ist, sogar noch Appetitmangel und Schlafstörungen hinzu- kommen, ist das keine Erschöpfung mehr, sondern eine Depression. Die tritt in unterschiedlich starker Ausprägung auf. Statistisch leidet hierzulande jeder Siebte einmal im Leben darunter, bei mehr als drei Millionen Deutschen zwischen 18 und 65 Jahren ist die Depression behandlungsbedürftig. Auch Kin- der sind immer öfter betroffen. Häufig löst ständiger Stress die Krankheit aus – Überforderung, der Verlust eines geliebten Menschen oder eine Krankheit. Auch die Lebenssituation spielt eine Rolle: Stabile Beziehungen oder das Gefühl von Geborgenheit schützen. Einsamkeit ist ein erheblicher Risikofaktor.

Oft werden Depressionen gar nicht erkannt. Der Grund ist, dass Depressive nach außen meist nur antriebslos wirken. Tatsächlich aber befinden sie sich in einem seelischen Ausnahmezustand. Die Menschen verlieren den Kontakt zu ihren Gefühlen, zu sich selbst. Die Arbeit wird irgendwie erledigt, doch Stolz, weil etwas gut gelungen ist, fehlt. Treffen mit Freunden schaffen keinen Ausgleich mehr. „Mancher versucht, der Seelenschwere durch Aktivität zu entkommen, ist aufgedreht, redet viel und hektisch“, so Prof. Ahrens. Bisweilen endet die Krankheit tödlich: Fast jeder zehnte schwer depressiv Erkrankte bringt sich um. Mitunter äußert sich die Depression als eine jahrelang anhaltende Gefühlsgedämpftheit, die von Erkrankten und Angehörigen schon als Charakterzug missgedeutet wird. Viele funktionieren in ihrem Alltag noch, doch die sogenannte Dysthymie raubt Lebensqualität und Kraft, führt oft zu Alkoholsucht oder Tablettenmissbrauch. Hinter der Krankheit steckt ein gestörter Stoffwechsel des Gehirns. Die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, die für die Impulsübertragung zwischen den Nervenzellen verantwortlich sind, geraten aus dem Gleichgewicht. Chronische Entzündungen tragen zum Ausbruch bei. Behandelt wird heute in schweren Fällen mit Antidepressiva, die die Botenstoffe wieder aktivieren. Hinzu kommt meist eine Psychotherapie. Die weitaus meisten Patienten überwinden ihre Depression. Nach einem halben Jahr ist die Hälfte emotional wieder ausgeglichen, nach zwei Jahren sind es sogar 80 Prozent.

Neue Balance finden

Fast immer versuchen die Betroffenen, ihre Depression zu verheimlichen. Doch nach außen hin die Fassade des glücklichen, gesunden Menschen aufrechtzuerhalten, verbraucht viel Energie und bindet Lebensmut. Wer nichts sagt, bekommt zwar keine blöden Kommentare zu hören, doch verhindert er auch, dass ihm Freunde und Angehörige helfen können. Reden ist Gold, das gilt auch für den Burn-out: Statt in Stresssituationen dichtzumachen, können Gefährdete sich angewöhnen, rechtzeitig zu kommunizieren, dass gerade alles zu viel wird. Im Job wirkt das sogar professionell, weil es Selbstverantwortung signalisiert. Während kleiner Pausen ins Grüne zu gucken, mindert Blutdruck und Muskelspannung, beruhigt das Nervensystem und steigert den Serotoninspiegel.

Britische Wissenschaftler des Wohlfahrtsverbands Mind haben in einer Studie bestätigt, dass ein Aufenthalt im Freien deutlich sogar gegen eine Depression wirkt und das Selbstwertgefühl verbessert. „Bewegung ist ein bedeutsamer Heilungsfaktor. Schon kurze Spaziergänge hellen die Stimmung auf“, so Prof. Ahrens. Die Weltgesund- heitsorganisation rät, sich zweieinhalb Stunden pro Woche körperlich zu bewegen. Dabei werden Hormone freigesetzt, die die Laune steigern. Wichtig ist es, Selbstfürsorge zu betreiben, um den Kontakt zu den eigenen Gefühlen nicht zu verlieren. Die Sinne wieder hervorzulocken ist ein weiterer, wichtiger Schritt: Berührungen, ein Bad in der Wanne oder eine Massage streicheln die Seele. Und, Achtung: Selbst wenn mal der Appetit auf gutes Essen fehlt – Fast Food zieht die Laune nach unten. Vielen hilft es, ihre Zeit besser einzuteilen und so den Sinn fürs Wesentliche zu behalten. „Wichtig ist, dass man mit sich im Reinen ist und ohne eine Hypothek schlafen geht“, so Prof. Ahrens. Ein sicherer Boden für einen guten nächsten Tag.

 

Ordnung in den Alltag bringen

Chronischer Stress kann Depressionen auslösen. Regeln aus dem Zeitmanagement beugen vor

AUSMISTEN
Aufräumen bedeutet Neuanfang. In geordneten Räumen fällt es leichter zu entspannen. Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigene Zukunft steigen.

4-MINUTEN-PRINZIP
Alles, was kürzer als vier Minuten dauert, sofort erledigen! So stapeln sich keine Berge an Unerledigtem. WOCHENPLAN Schreiben Sie für jeden Tag eine To-do-Liste. Es wirkt befreiend, wenn geistiger Ballast auf das Papier wandert. Auch Auszeiten und schöne Termine einplanen! Vielen wird so besser bewusst, was ihnen wirklich guttut – und was nicht.

PRIORITÄTEN
Nicht zu viel vornehmen! Und entscheiden: Was ist wirklich wichtig? Was kann ich notfalls auch verschieben?

GRÜBELVERBOT
Tipp für jene, die nachts viel nachdenken. Sich ein Stoppschild vorstellen und sich etwa vornehmen: Grübeln ist nur von 15 bis 16 Uhr erlaubt!

Qulle: Hörzu 2018
Text: BETTINA KOCH

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